Vorsicht ist besser als Nachsicht

Die Deutschen sind im Ausland dafür berühmt/berüchtigt, ihre Zukunft akribisch zu planen und nichts dem Zufall zu überlassen. Lieber zu früh ankommen, bevor unerwartet etwas dazwischen kommt. Lieber zwei Durchfallmittel in die Reiseapotheke, falls eines nicht hilft. Lieber doppelt verhüten – man weiß ja nie. So wirkt es geradezu ironisch, dass gegenwärtiges Unheil dafür verantwortlich ist, dass drohendes Unheil nicht angemessen abgewendet werden kann.

Doch Langsam: Die Nachrichten der letzten Tage und Wochen wurden vor allem von der Finanzkrise dominiert. In den USA wird ein Finanzrettungspaket geschnürt und die Kanzlerin spricht eine Milliardenschwere Staatsgarantie zur Einlagensicherung aus. Emnid findet für die Bild am Sonntag heraus, dass sich 71% der Deutschen wünschen, dass der Staat nicht nur Banken, sondern auch Kleinanlegern helfen soll. Und laut Zahlen aus dem ZDF-Politbarometer vom 10.10.2008 glauben immerhin 22%, das das deutsche Bankensystem durch die Finanzkrise zusammenbrechen kann. 72% halten die Garantie der Bundesregierung für private Spareinlagen daher für richtig, doch 37% der Befragten wägt seine Spareinlagen trotz der Garantie nicht in Sicherheit. Im Unternehmenbereich zeigt sich ein ähnliches Bild: Einer Studie des DIHK zufolge, erleben die Unternehmen im Schnitt deutlich schlechtere Kreditkonditionen als im Vorjahr (aber immerhin gibt es Kredite) und das ZEW vermeldet, dass bei IKT-Dienstleistern der Index zur wirtschaftlichen Stimmungslage auf seinen bisherigen Tiefstand gefallen ist. Die Stimmung scheint also noch nicht ganz im Pessimismus ertrunken zu sein, aber eine deutliche Beklemmung macht sich spürbar.

Kommen wir also zu den Auswirkungen des gegenwärtigen Unheils auf das drohende Unheil. Drei Versicherer und Finanzdienstleister kommen in drei Studien zu ähnlichen Ergebnissen: TNS Infratest hat für Delta Lloyd herausgefunden, dass vor allem bei Frauen die Wahrnehmung des Risikos von Berufsunfähigkeit nachgelassen hat. Ein Erklärungsversuch schlägt Brücken zur Wirtschaftslage:

„Sicherlich verdrängt die eine oder andere das Problem ganz einfach, aber natürlich steht vielen Haushalten aufgrund der stagnierenden Gehälter und der steigenden Lebenshaltungskosten auch ein kleineres Budget für die Vorsorge zur Verfügung.“

Einen ähnlichen Erklärungsansatz wählt die HDI Gerling, die eine Studie mit der Forsa durchgeführt hat.

„Die Subprime-Krise und der Rückgang der Aktienmärkte nehmen Verbrauchern den Mut, für das Alter vorzusorgen.“

So haben zwar 50% der Verbraucher monatlich zwischen 25 und 200 Euro zur Verfügung, aber nur 3% der Befragten beabsichtigt, ein zusätzliches Altersvorsorgeprodukt zu erwerben. Überdurchschnittlichen Zuspruch erhalten nur sog. Hybridlösungen mit Verlustabsicherung. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt schließlich Allesbach für die Postbank. Auch hier wird eine Zunahme der sicheren Anlageformen „Erwerb des Eigenheims“ und „Bausparen“ identifiziert.

Insgesamt scheint es also, dass die Deutschen vor allem deshalb ihre Vorsorge zurückfahren, weil die Sorgen der Gegenwart die Sorgen der Zukunft übersteigen. Und dann kann man das ganze ja vielleicht auch so sehen: Wenn Deutsche im Ausland berühmt/berüchtigt dafür sind, immer alles zu planen, dann möglicherweise auch deshalb, weil die Deutschen im Vergleich zu anderen Landsmannschaften eine vergleichsweise gute Gegenwart hatten und haben.

Eine Antwort schreiben